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Dienstag, 20. November 2007, 19:30 Uhr

Fetisch und Freiheit

Über die Rezeption der Marxschen Fetischkritik, die Emanzipation von Staat und Kapital und die Kritik des Antisemitismus

Buchvorstellung und Diskussion mit Stephan Grigat

Soll Freiheit Wirklichkeit werden, muss man sich über die Schwierigkeiten Rechenschaft ablegen, die aus der von den Herrschaftsimperativen des Staates und den Verwertungsimperativen des Kapitals dominierten Gesellschaft für die Emanzipation resultieren. Es gilt zu erklären, wie aus der Unzufriedenheit mit den Verhältnissen eine mal ressentimenthafte, mal regressive, mal mörderische Partizipation am gesellschaftlichen Unheil im Wege seiner scheinbaren Bekämpfung werden kann. Ersteres verweist auf die Kritik des Fetischismus; zweiteres auf den Antisemitismus.

Ort wird noch bekanntgegeben.

VeranstalterInnen: Never Again! Antifaschistische Gruppe Bonn und Georg-Weerth-Gesellschaft Köln in Kooperation mit der Fachschaft Philosophie der Uni Köln.

Inhaltsübersicht und Leseprobe von Fetisch und Freiheit sind auf der Website des ça-ira-Verlags zu finden.


Donnerstag, 10. Mai 2007, 19:30 Uhr

Who The Fuck Is Heiligendamm?

Vorträge der Gruppen 8. Mai [ffm] und Frankfurter Kranz [ffm]

„Who the Fuck is Heiligendamm“ fragt zu Recht die Gruppe 8. Mai, denn vor dem Bekanntwerden des diesjährigen Tagungsortes des Weltwirtschaftsgipfels der G8 war dieser Fleck ostdeutscher Provinz den meisten Menschen gänzlich unbekannt. Seit einigen Monaten jedoch ist das Mecklenburger Heiligendamm für die bewegte Linke zum Mekka ihres Protestes gegen die Bestie in Menschengestalt geworden.

Auch für die Bonner Linke bietet dieses Spektakel eine geeignete Projektionsfläche um den Ursprung ihrer widersprüchlichen Existenzen in einer allumfassenden kapitalistischen Logik aus Verwertung des Wertes und Vermittelbarkeit durch Waren an den „Global Playern“, den „Heuschrecken“ oder den „imperialistischen Kriegstreibern“ festzumachen und im Juni für eine andere Welt, die Selbstbestimmung islamischen Terrors oder einfach nur den Schutz der deutschen Heimat zu protestieren.

So unterschiedlich die Forderungen der Beteiligten am Bonner Bündnis gegen die G8 auch sind, so eint sie doch die gemeinsame Mobilisierung zu diesem Großevent und die ihr inhärente Personifikation der herrschenden Verhältnisse, sodass wir – anstatt bloß eine Distanzierung von den antisemitisch und antiamerikanisch auftretenden Beteiligten des Bonner Friedensbündnis, der WASG/Linkspartei oder dem Seniorenclub der DKP zu fordern, eine Beteiligung an den Protesten grundsätzlich ablehnen um der Regression des nach Almosen bettelnden linksdeutschen Antikapitalismus eine kommunistische Kritik der politischen Ökonomie entgegenzuhalten. Eine Kritik die eine Projektion des allumfassenden Fetischismus auf ein paar Vertreter führender Industrienationen ablehnt, die sich keines Rückschrittes zu subsistenzieller Armutsverwaltung oder völkischem Ressentiment bedient.

Weitere Gründe, warum wir eine Beteiligung an der mit diesen linken Befindlichkeiten verbundenen Mobilisierung ablehnen, wer überhaupt Ziel des Unmutes der Antiglobalisierungsbewegung ist, wie die transformierten Weltmarktverhältnisse adäquat zu analysieren sind und wie der von einigen Teilnehmern verortete Resonanzboden für eine kritische Intervention aussieht erläutert jeweils ein Vertreter der Gruppe 8. Mai sowie der Gruppe Frankfurter Kranz.

Buchladen Le Sabot, Breite Str. 76, 53111 Bonn


Mittwoch, 21. März 2007, 19:00 Uhr

Right to exist – Israels Existenzkampf

Vortrag von Yaacov Lozowick (Direktor des Dokumentationszentrums der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Jerusalem)

Israel-FlaggeDer von der Hisbollah im letzten Jahr angezettelte Libanon-Krieg hat erneut gezeigt, wie ernst es Gruppen wie ihr und den sie unterstützenden Staaten mit den Vernichtungsdrohungen gegen Israel ist. Der israelische Historiker Yaacov Lozowick, Direktor des Archives der Shoa-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, vertritt die These, dass die Weigerung der arabischen Welt, das Existenzrecht Israels anzuerkennen, das größte Hindernis für den Frieden ist. Der ehemalige Friedensaktivist und „Peace-Now“-Sympathisant zweifelt daran, dass eine friedliche Lösung des Konflikts in absehbarer Zeit möglich ist. Seine Zweifel leitet er aus der Entwicklung des israelisch-palästinensischen Konflikts ab, der schon vor der Gründung Israels 1948 begann. Lozowick liefert in seiner Streitschrift eine politische und moralische Rechtfertigung der Kriege, die Israel seit 1948 im Kampf um seine Existenz geführt hat. Er widerlegt entlang der historischen Entwicklung jene arabische und westliche Propaganda, die Israel als „imperialistischen Kolonialstaat“ diffamiert und ihm die alleinige Verantwortung für den Konflikt zuweist. Ebenso zerstört er den Mythos von der „Gewaltspirale“, wonach beide Seiten gleichermaßen schuld an diesem Konflikt seien.

Yaacov Lozowick bietet eine materialreiche und anschauliche Darstellung der Geschichte des Staates Israel und seiner Kriege, auch der Grausamkeiten und Fehler. Lozowick bringt damit dem Leser die israelische Perspektive des Nahost-Konflikts näher, die in der europäischen Berichterstattung in der Regel ausgespart wird.

Hörsaal 17 der Universität Bonn (Englisches Seminar)
Regina-Pacis-Weg 5

Veranstalter: Verein freier Menschen/AO,
Referat für politische Bildung, AStA Uni Bonn

Der Eintritt ist frei.


Dienstag, 6. Februar 2007, 19.00 Uhr

Über den Zusammenhang von
Menschenvernichtung und Elendsverwaltung

Vortrag und Diskussion mit Gerhard Scheit (Wien)

„Der einzelne, der sich opfert, um möglichst viele Menschen zu töten, verwirklicht die zeitgemäße Form von Gemeinschaft. Er opfert sich für einen realen oder imaginären Staat, vollführt in privatisierter Form, was nun einmal Sache der Volksgemeinschaft ist: Vernichtung um ihrer selbst willen. Nicht dieses Unbegreifliche ist zu begreifen, aber dessen Unbegreiflichkeit.“

Mensa Nassestraße, Lesesaal (Nassestr. 11, Bonn)

Veranstalter: Referat für politische Bildung, AStA Uni Bonn; Verein freier Menschen/AO


Montag, 29. Januar 2007, 19 Uhr s.t.

»Hurra, wir kapitulieren« – Europa und der Islamismus

Vortrag von Henryk M. Broder

Hörsaal 17, Englisches Seminar (Uni-Hauptgebäude), Regina-Pacis-Weg, Bonn

Veranstalter: Referat für politische Bildung, AStA Uni Bonn; Verein freier Menschen/AO


Montag, 22. Januar 2007, 19 Uhr

Israel nach dem Libanon-Krieg

Vortrag und Diskussion mit Stephan Grigat

Stephan Grigat ist Forschungsstipendiat in Tel Aviv und berichtet aus erster Hand über die aktuellen Entwicklungen in Israel nach dem Krieg gegen die Hizbollah.

Carl's Bistro (Carl-Schurz-Raum), Ecke Kaiserstraße / Nassestraße, Bonn

Veranstalter: Referat für politische Bildung, AStA Uni Bonn; Verein freier Menschen/AO


ISRAEL VERTEIDIGEN!
Anmerkungen zum 9. November

Der 9. November 1938 war wie ein Schicksalstag für all jene deutsche und europäische Juden, die sich bis dahin und in der Folgezeit nicht den Fängen des nationalsozialistischen Terrors haben entziehen können. Denn er markiert nicht nur den Höhepunkt volksgemeinschaftlicher Selbstfindung sondern gleichzeitig einen qualitativen Sprung des allgegenwärtigen Antisemitismus: Dessen eliminatorisches Wesen hatte sich bis 1933 vor allem anhand­ von Pogromen offenbart, als mehr oder weniger spontaner Ausdruck eines irrationalen Volkszorns gegen die Juden, den personifizierten Inbegriff des Anderen, des Feindes, des Ritualmörders, des Wucherers und Zersetzers, des Kommunisten und Kapitalisten in einer Gestalt. Aber bereits die umfassende Klassifizierung, Entrechtung und gesellschaftliche Marginalisierung der deutschen Juden in der Frühphase des Nationalsozialismus ließ erahnen, dass der zum deutschen Selbstverständnis geronnene Antisemitismus alles bisher da gewesene in den Schatten stellen sollte. Die reichsweiten Novemberpogrome stehen symbolisch für den Wandel und die Modernisierung der massenmörderischen deutschen Raserei – vom richtungslosen, emotionalen Judenhass zum geregelten und bürokratisierten »Antisemitismus der Vernunft«. Statt als Schutzherr oder Nutznießer des Volkszorns trat der Staat nun als maßgeblicher Akteur und Vollstrecker der Vernichtung auf. Der 9. November 1938 war die quasi-plebiszitäre Legitimitätsgrundlage der mit dem deutschen Überfall auf Polen begonnenen und ab 1942 minutiös durchgeführten Ermordung der europäischen Juden.

Antifa-LogoAuschwitz hätte, jenseits von allen Versuchen, dem Unsäglichen einen Sinn zu geben, einige elementare linke Gewissheiten begründen müssen: Nämlich Antisemitismus nicht länger als einen »Antikapitalismus der dummen Kerle« zu verharmlosen, ihm somit gar noch einen eigentlichen positiven Kern zuzusprechen, dem nur durch genug Agitprop zur Entfaltung verholfen werden muss, sondern nüchtern zu konstatieren, dass das, was in den Vernichtungslagern sich unendlich grausam vollzog, schon im geschmacklosen Witz und im haltlosen Ressentiment gegenwärtig ist – der gleichzeitige Wunsch und Wille die Juden, alles Jüdische zu beseitigen. Aus diesen Gewissheiten hätte folgen müssen, dass die geschichtsphilosophischen Parolen des Klassenkampfes zusammen mit den Opfern des nationalsozialistischen Wahns zu Grabe getragen worden waren und dass es NIE WIEDER einen positiven Begriff des Volkes oder sonstiger kollektiver, das Individuum restlos absorbierender Identitäten geben dürfe. Stattdessen stand schon bald die gedankenlose, dafür umso pathetischere Identifikation mit all jenen an der Tagesordnung, die sich im Kampfe opfern – warum und wofür war dabei erst einmal nebensächlich, denn das Mittel heiligte den Zweck. Dass grade die antisemitischen Banden panarabischer oder islamischer Couleur dem prototypischen deutschen und europäischen Nachkriegslinken bis in die Gegenwart als Projektionsfläche dienen, zeugt also von einer bruchlosen ideologischen Abdichtung gegen jede Erfahrung.

Die konsequente Befolgung des politischen Testaments des Nationalsozialismus wird heute in widerspruchsfreier Reinheit von Seiten der islamistischen Bewegungen vollzogen. Hier hat das Leben keinen individuellen Wert und Zweck sondern einen höheren Sinn, der sich im Zweifelsfall darin offenbart, sich in Mitten von Zivilisten in die Luft zu sprengen. Der Islamismus in Gestalt von Hamas und Hizballah, der ägyptischen Muslimbrüder und des iranischen Präsidenten ist die Sakralisierung nationalsozialistischer Sinngebung und das Selbstmordattentat die zeitgemäße Form des antisemitischen Vernichtungswillens: Denn wenn auch der Dschihad im Irak täglich dutzende Muslime tötet, so gilt er doch einer halluzinierten zionistischen Weltverschwörung und deren angeblichen Agenten, als welche sich die verschiedenen muslimischen Gruppen wechselseitig denunzieren. Das bedeutet, dass heute sowohl die Idee als auch die Praxis des »Antisemitismus der Vernunft«, welcher nicht weniger verlangt als die Vernichtung der Juden, sich hauptsächlich gegen Israel und den Zionismus richten, der Kampf gegen Antisemitismus sich also maßgeblich als Existenzkampf Israels vollzieht.

Ruft aber in Bonn ein linkes Bündnis unter dem Motto »Gedenken verteidigen« zum 9. November auf, so erwähnt es diesen Existenzkampf selbstverständlich mit keiner Silbe. Angesichts der Tatsache, dass die gesellschaftlichen Bedingungen des Antisemitismus nicht beseitigt werden konnten, dass weiterhin die klaffenden Widersprüche zwischen den objektiven Möglichkeiten menschlichen Daseins und deren oft viel weniger als armseligen Verwirklichung im Kapitalismus an der pathischen Projektion des verschworenen und mächtigen Juden – IsraÖL und USraÖL – festgemacht werden, zudem ein im positiven Sinne revolutionärer Zustand nicht absehbar ist, muss aber das Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus einher gehen mit dem Bekenntnis zu Israel, dem Staat gewordenen Garanten jüdischer Existenz und Selbstbestimmung. All die Parolen gegen Antisemitismus welche anlässlich symbolträchtiger Daten wie dem 9. November inflationäre Verwendung finden, sind vollkommen inhaltsleer und nutzlos, wenn sie von einer Solidarisierung mit dem tatsächlichen und tagtäglichen Kampf des israelischen Staates um sein Überleben absehen – und sind zudem unglaubwürdig, wenn sie, wie in Bonn, etwa von den Freidenkern kommen, die zusammen mit den Nationalbolschewisten vom Initiativ e.V. und der Jungen Welt zur antizionistischen Avantgarde der hiesigen Linken gehören. Darüber hinaus verkennt der Anspruch einer Verteidigung dieses vorgeblich richtigen Gedenkens, dass eben das formelle, wirkungslose Lippenbekenntnis zur deutschen Vergangenheit heute zum Standardrepertoire einer sich antifaschistisch gerierenden Berliner Republik gehört. Die Verteidiger des konsequenzlosen Gedenkens tun letztendlich nichts anderes als die betroffen dreinschauenden und mahnenden Exponenten deutscher Politik: An die Vergangenheit erinnern um dann moralisch gestärkt zum Alltagsgeschäft überzugehen – was nicht zuletzt heißt, einerseits als »Friedensmacht« Urteile über die in den USA und Israel ausgemachten Kriegstreiber zu fällen und im Gegenzug Selbstmordattentate als Widerstand zu verharmlosen.

»Gedenken verteidigen« muss implizieren, Israel zu verteidigen; vor allem gegen den permanenten Versuch der internationalen antizionistischen Querfront, dem jüdischen Staat seine Legitimität abzusprechen. Denn ein Gedenken der Opfer des Antisemitismus ist sinnlos, wenn es nicht die Verteidigung objektiv notwendiger Schutzmaßnahmen für alle faktischen und potentiellen Opfer dieses gewalttätigen Wahns mit einschließt, zu denen letztendlich nur Israel gewillt ist.


Donnerstag, 20. Juli, 17:00 Uhr.

Kein Frieden den Feinden Israels!

Flugblattverteilaktion auf der Kölner Domplatte.


Nie wieder Arbeit!
Der 1. Mai, oder: Land of the Dead

Als arbeiterbewegter Linker hat man in diesem Land schon seit geraumer Zeit nichts mehr zu lachen. All die über die Jahre erkämpften und lieb gewonnenen rechtlichen, sozialen und materiellen Güter werden mit Verweis auf marktwirtschaftliche Sachzwänge wieder einkassiert. Der in der korporatistischen Nachkriegsrepublik regelrecht eingeschlafene Klassenkampf erscheint als wieder aufgenommen, nur will das überlieferte, leicht angestaubte Bild der Akteure nicht länger auf die Gegenwart zutreffen. Angesichts des objektiven Fehlens von zylindertragenden und zigarrerauchenden Erzkapitalisten in Zweispännern ist der Gegner auch gar nicht so leicht auszumachen; aber dass es einen Gegner gibt, gilt zumindest als gewiss, anders ist die verkehrte Welt des Kapitalismus nicht recht zu rationalisieren. Dass die gegenwärtige Gesellschaft in ihrer Substanz und Entwicklung nicht auf persönliche Entscheidungen einzelner übermächtiger Menschen zurückgeführt werden kann, sondern einer mittlerweile verallgemeinerten Eigenlogik, einer zwanghaften und selbstzweckhaften, somit subjektlosen Verwertung des Werts unterworfen ist, spielt nach wie vor in linksdeutschen Analysen kaum ein Rolle. Stattdessen werden konsequent Heuschrecken, Fremdarbeiter und andere nebulöse Unmenschen für all jenes verantwortlich gemacht, was mit dem Weltverständnis einer etatistischen Linken nicht erfasst werden kann: Dass die eigene Existenz und die ihr noch verblieben Würde (=Arbeitskraft) nicht mehr gebraucht werden, da die allgemeine gesellschaftliche Reproduktion sich in Zeiten eines globalisierten Kapitalismus und der mikroindustriellen Revolution mehr und mehr jenseits proletarischer Wertarbeit vollzieht. Trotz stetig wachsender Produktionskapazitäten immer irrsinnigeren Reichtums gerät – zunehmend auch in den industrialisierten Zentren – die bloße Reproduktion des nackten Lebens in Gefahr. Und der ungeschminkte Anblick des Kapitals offenbart im Gegenzug auch die ungeschminkte Begriffslosigkeit (nicht nur) der deutschen Linken.

Lebende Tote

Weil der Wandel der Welt nicht verarbeitet wird, müssen die altvorderen Begriffe herhalten, auch wenn diese eigentlich noch nie zugetroffen haben. So wird mal wieder der Staat als angeblich bewährter Krisenretter zum Hort der Emanzipation umgelogen. Er soll den „ungezügelten“, gar „raubtierhaften“ Kapitalismus zurücktransformieren in eine harmlose soziale Marktwirtschaft. Dem Sozialstaat, für Unzählige eine existentielle, aber eben auch rein instrumentelle Errungenschaft, wird an seinem Sterbebett ein emanzipatorischer Gehalt zugeschrieben, den dieser nie inne hatte und haben konnte. Sein fortschrittlicher Wesenszug – konkreter Rechtsanspruch statt willkürlicher, paternalistischer Wohlfahrt – wird indes zum Wesen des Staates selbst verklärt. Aus einer verständlichen Angst und Abneigung heraus, sich der ideellen Gesamtzumutung des liberalisierten Marktes preiszugeben, verlangt der vereinzelte Einzelne nach Schutz durch den bevormundenden Zwangsapperat des Staats sowie nach Unterwerfung des Individuums unter die Gemeinschaft. Diese beiden Gedanken sind aufs engste mit einander verwoben. Denn im selben Maße, wie die Fetischisierung des Staates einer freiwilligen Versklavung gleicht, ist die Wiederentdeckung der Gemeinschaft ein »Eingang in die selbstverschuldete Unmündigkeit« (Gerhard Scheit). Der Glaube an das höhere, nach Innen verbindende Prinzip dient nicht zuletzt der gleichzeitigen Veräußerung von Verantwortlichkeit: Da Staat und Volk als Gutes, weil irgendwie Organisches und Sorgendes ausgemacht sind, kann die Schuld für die Krise nur hinter dem Horizont liegen; bei Hedgefonds und multinationalen Konzernen, bei Sozialschmarotzern und Ausländern, in den USA, bei den Juden und „denen da oben“. Die eigene Aufopferung wird stolz als Dienst am Ganzen verstanden, nicht als die blinde Reproduktion von elenden Verhältnissen, die sie ist.

Wenn also am 1. Mai mit vereinten Kräften vor allem eines Gefordert wird: „Arbeit, Arbeit, Arbeit!“, so veranschaulicht die Linke nicht mehr als ihre Rückwärtsgewandtheit und ihre regressiven Bedürfnisse. Arbeit wird noch im Augenblick ihrer objektiven Überwindung als ahistorische Naturnotwendigkeit, als Bedingung gesellschaftlichen Fortschritts und als unerlässliche Formierung des Charakters wahrgenommen. Deswegen macht man sich lieber keine Gedanken über die Etablierung einer emanzipatorischen Gesellschaftsformation jenseits von Staat und Kapital, von äußerem wie innerem Zwang in der sinnlos arbeitenden Gemeinschaft, oder wenigstens in einem Anflug von Reflexion, über die Vorzüge einer Loslösung von jener identitären und staatstragenden Großveranstaltung des „Tags der nationalen Arbeit“. Stattdessen werden schwülstige Appelle an die Politik bis zum Erbrechen wiederholt, dass eine andere Welt möglich sei; angesichts der Kategorien, von denen diese hohle Formulierung ausgeht – Nationalstaat, Sozialstaat, Vollbeschäftigung – erscheint eine andere Welt zwar weder möglich noch wünschenswert. Doch die Moral ist mit ihnen.

Ente

Der 1. Mai ist der Feiertag einer Linken, die nichts mehr zu feiern hat. Diese Linke ist begrifflich tot, ein Zombie, der wie einbetoniert auf seinem verherrlichenden und verharmlosenden Arbeitsstandpunkt verharrt, gerne auch noch von Klassenkampf und Scheißkapitalisten fabuliert und gleichzeitig sich dem klammheimlich geliebten Staate anzubiedern versucht, während er behutsam ins Museum verfrachtet wird.

Nie wieder Arbeit!
Nieder mit dem Standort Deutschland!
Gegen Antisemitismus und Antiamerikanismus!
Für den Kommunismus!

Verein freier Menschen/AO
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